Lebendigkeit aus den Wurzeln der Tradition
Es muss 1989 oder 1990 gewesen, als ich David Krakauer, damals mit seinem legendären Ensemble „The Klezmatics“, das erste Mal hörte. Ich erinnere mich noch gut an ihren Auftritt: Trompeter Frank London trug enge Lederhosen, eine bestickte indische Kappe und sang als Zugabe inbrünstig ein Schabbatlied. Geigerin Alicia Svigals hatte sich einen großen gelben Stern auf die Brust geheftet und spielte schwungvoll einen bayrischen Zwiefachen. Lorin Sklamberg schmalzte mit seinem lyrischen Tenor einen Walzer und David Krakauer fegte mit seiner Klarinette über die Bühne. Coole New Yorker Typen, provokativ und genial, virtuos und lebendig – ihre erste Platte, 1989 erschienen, hieß „Shvaygn = Toyt“.
Dass David Krakauer drei Jahrzehnte später gemeinsam mit der österreichischen Klezmer-Szene hier in der Ehemaligen Synagoge St. Pölten auftritt, ist für mich mehr als eine erfüllende Verbindung von Privatleben und Beruf. Es drückt aus, was in diesem verwaisten Gotteshaus erlebbar sein sollte und was wir mit den Jewish Weekends nahebringen wollen: Jiddischkeit, Lebendigkeit, Veränderung und Weiterentwicklung, aus den Wurzeln der Tradition und im Gedenken an brutal zerstörte Welten – des Jiddisch sprechenden Ostjudentums, der sephardischen Diaspora und der österreichisch-jüdischen Gemeinde St. Pölten.
In diesen Zeiten der Gewalt, des zunehmenden Faschismus und des verstörend ansteigenden Antisemitismus auch in Österreich kann ich nur hoffen, dass die Schönheit und Vielfalt jüdischer Musik aus vielen Epochen und Ländern den Anstoß gibt, Vorurteile zu überdenken und Mut für Zivilcourage zu schöpfen. Denn Shvaygn ist Toyt.
Martha Keil
Wissenschaftliche Leiterin
Ehemalige Synagoge St. Pölten